525.600

525.600 minutes. How do you measure a year?

Es ist wieder November. Seit November 2017 ist ein ganzes Leben vergangen. Ich bin gealtert, gezeichnet und mehr als alles andere gescheitert. Damals war ich glücklich und voller Hoffnung; aus heutiger Sicht eine groteske Vorstellung. Ich war nie ein entschlussfreudiger Mensch; habe es stets vorgezogen, mit Entscheidungen zu hadern bis zum geht-nicht-mehr, respektive bis sie mir ohnehin durch Zeitablauf aus der Hand genommen wurden. In diesem vergangenen Jahr aber habe ich Entscheidungen getroffen. Eine Entscheidung ist allerdings maximal soviel wert, wie die Konsequenz, mit der sie umgesetzt wird, eben zulässt. Alles andere ist nur Gewäsch. Das habe ich auf die härtestmögliche Weise gelernt.

Vor einem Jahr war ich in einer äußerst schwierigen Lebenssituation,  sozusagen am Scheideweg. Das Kompromisskonto war  überzogen, klare Ansagen zwingend erforderlich.  Aus einem Tal der Tränen ging eine solche hervor; fast wie der sprichwörtliche Phoenix aus der Asche. Die Botschaft war richtig, die Zeichen standen auf Hoffnung, auf Neubeginn, auf optimistischem Ausblick. Davor galt es, eine Feuersbrunst zu überstehen, wie ich sie davor allenfalls vom Hörensagen gekannt hatte. Dazu war ich bereit und entschlossen zu überleben. Einzig, ich hatte die Rechnung ohne den Balrog und dessen flammende Peitschen gemacht, denn kaum hatte ich den vermeintlich tiefsten, furchterregendsten Abgrund überwunden, riß mich dieser ganz unspektakulär zurück in die schwärzeste Tiefe.

Welch pathetisches Geschwurbel, furchtbar. Eigentlich ist die Geschichte nämlich ganz einfach. Wenn du ein entscheidungsfreudiges Tier bist, gehört dir die Welt ohnehin von Natur aus. Bist du es nicht, kannst dich aber dennoch dann und wann zu einer folgenreichen Entscheidung durchringen, dann bleib ihr – und dir – in drei Teufels Namen treu und lass dich nicht beirren. Ich hingegen war schwach und verwirrt und inkonsequent und zahle einen fürchterlichen Preis dafür. Im konkreten Fall für immer, ich kann mich nicht mehr rehabilitieren. Ich habe in den letzten Monaten verloren, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte.

Vor einem Jahr stand ich vor einer grünen Wiese namens Neubeginn; unbekanntem Terrain voller Fragezeichen und Risiken, aber auch Hoffnung und Potential. Ich war bereit und guter Dinge für den Kopfsprung ins nächste Kapitel. Vor genau zwei Monaten endete die Reise in Verzweiflung und Dunkelheit. Dazwischen lagen die extremsten Emotionen mit denen ich je zu tun hatte; totaler Zusammenbruch, Resignation, hoffnungsloses Umklammern von Strohhalmen. Mein Hoffen war „nur ein Märchen“, so wurde es mir schlußendlich erklärt – und ich war längst zu kraftlos, um noch zu widersprechen. Ich ließ dies alles geschehen und bin damit letztendlich auch dafür verantwortlich; denn auch eine Entscheidung durch Unterlassung infolge innerer Lähmung ist am Ende eine Entscheidung und nichts und niemand nimmt einem die Verantwortung dafür wieder ab.

Ich trage die Kampfspuren nicht nur innerlich, ich bin auch sichtbar gezeichnet und muss meinen Platz im Leben erst wieder finden. Dieses Leben wartet allerdings nicht darauf, dass ich bereit bin. Es zerrt vielmehr auf mehreren Ebenen gleichzeitig an mir und fordert Energien, die mich auch unter sehr viel besseren Umständen herausgefordert hätten.  Um auf konkreteren Boden zurückzukehren: mein musikalischer Output ist parallel zu den geschilderten Geschehnissen auf annähernd Null gefallen. Ich würde meiner musikalischen Identität allerdings nicht den Tod attestieren; eher ein längerfristiges Koma.  Witziges/tragisches Detail am Rande: im Zuge all des Irrsinns habe ich in den vergangenen Monaten zur Frustkompensation Kilotonnen von Geld in Kreativwerkzeuge gesteckt… die die meiste Zeit über in der Ecke stehen, weil ich keine Zeit, keine Energie, oder keine Zeit und keine Energie für sie übrig habe. Macht ja nix, in der Pension dann. (*zynisches Lachen hier*)

Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht, das ist keine neue Erkenntnis, aber mit Sicherheit eine richtige. Du kannst nicht für andere da sein, wenn du dabei selber vor die Hunde gehst. Bleib bei dir, steh zu dir – sei eine Katze, sei auf keinen Fall so wie ich.

Musik ist nicht wertlos: Hintergründe

Vor wenigen Tagen erstellte ich eine Online-Petition mit dem Titel „Musik ist nicht wertlos – Quo Vadis, Musikstadt Wien?“. Der konkrete Auslöser war eine Aktion der Wiener Linien und der Wiener Stadträtin Ulli Sima, bei der Musikerinnen und Musiker angesprochen wurden und deren Bedingungen ich respektlos und nicht akzeptabel fand. In den ersten vier Tagen wurde die Petition bereits über 1900 Mal unterzeichnet, ich stehe mit meiner Meinung also nicht alleine da und bin den vielen Menschen für ihr Engagement dankbar.

Über die Petition kam ich mit vielen Menschen ins Gespräch und wurde immer wieder gefragt, was eigentlich deren Ziel sei, bzw. ob und wie sich ihr Erfolg oder Misserfolg auswirken würde. Die zweite Frage war die nach meiner persönlichen Motivation. Beide Fragen möchte ich hier beantworten.

Für die Petition musste ich einen einzelnen Adressaten und eine konkrete Forderung angeben. Da Stadträtin Ulli Sima als offensichtliche Schirmherrin des Projekts explizit genannt wurde und es in einem Promo-Video auch persönlich bewirbt  („…denn bei uns dürfen nur die Besten spielen…“), ist sie die Empfängerin der Petition. Im Beschreibungstext sprach ich auch Stadtrat Mailath-Pokorny an, denn für meine Begriffe tangiert Musik auch im öffentlichen Raum das Kulturressort.

Die Forderung selbst ist knapp formuliert:
„Ich fordere Frau Sima auf, sich klar von diesem ausbeuterischen Konzept zu distanzieren und umgehend für faire Arbeitsbedingungen zu sorgen. Ebenso fordere ich den Wiener Kulturstadtrat Mailath-Pokorny zu einer Stellungnahme auf – diese
Angelegenheit berührt unzweifelhaft sein Ressort.“

Isoliert betrachtet ist die erste Frage also einfach zu beantworten: wenn die Teilnahmebedingungen für die „Wiener U-Bahn-Stars“ so verändert werden, dass teilnehmende Musikerinnen und Musiker unter fairen und korrekten Bedingungen auftreten können, ist das Petitionsziel erfüllt. Bleiben sie unverändert, wurde das Ziel verfehlt.

Die Antwort auf die zweite Frage dauert etwas länger: meine Motivation, die der ersten Frage auch ihren Kontext gibt, liegt in der allgemein äußerst problematischen wirtschaftlichen Situation der Musikschaffenden, nicht nur in Wien und auch nicht nur in Österreich. Ich bin kein Gesandter der Straßenmusik, mir geht es um die gesamte Musikszene. ProfimusikerInnen sind heute mit Arbeits- und damit Lebensbedingungen konfrontiert, die mit „Prekariat“ nur unzureichend beschrieben werden können. Prekär sind inzwischen viele Arbeitsverhältnisse, aber Musikerinnen und Musiker verelenden. Ihre Einkommen sind geradezu lächerlich gering. Das lässt sich wahrscheinlich nicht von heute auf morgen verändern, aber zumindest das Bewußtmachen des Problems und der – auch öffentliche – Diskurs sollte uns Musikschaffenden, aber auch allen Menschen die Musik lieben und als Teil ihres Lebens betrachten (somit dem Großteil der Gesellschaft) ein wesentliches Anliegen sein.

Wer sich für Musik als Beruf entscheidet, nimmt wirtschaftliche Abstriche und Risiken in Kauf, das ist keine neue Erkenntnis. Mit Musik wird man, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht reich. Wer Geld liebt, sollte lieber etwas anderes mit seinem Leben anfangen.

Dennoch ist Musik in unserer verdienstleisteten Zeit eben auch das: eine Dienstleistung. Man kann es an zahlreichen Institutionen studieren und als freies Gewerbe ausüben. Diese Leistung ist sehr gefragt, nur bezahlen will sie kaum noch jemand. Es ist völlig absurd: heute sind Dienstleistungen einfach überall und alles hat seinen Preis – nur Musiker sollen ihre Leistung grundsätzlich gratis erbringen. In keiner anderen Branche wäre soetwas denkbar. Versuchen wir doch einmal, Rechtsanwälten, Elektrikern, Automechanikern, Zahnärzten, Steuerberatern und den jeweiligen -innen ihre hochspezialisierten Leistungen um eine unverbindliche Spende abzukaufen– mit der Argumentation, dass ihnen ihre Arbeit doch auch Spaß mache und möglicherweise in Zukunft bezahlte Folgeaufträge winken könnten und außerdem: es werde ja niemand dazu gezwungen und man kenne jemanden, der das eh gerne in seiner Freizeit mache. Eine lächerliche Vorstellung, niemand, absolut niemand würde sich darauf einlassen. Leistung kostet und das wird allgemein akzeptiert. Außer eben bei Musikern.

Einen Beruf zu erlernen erfordert immer einen beträchtlichen Einsatz von Zeit, Energie und Geld. Im Unterschied zu den meisten anderen Studienrichtungen, bzw. darauf aufbauenden Karrieren benötigen Musikerinnen und Musiker allerdings auch noch besonderes Talent, die Ausbildungszeit dauert Jahrzehnte anstatt Jahre, lebenslanges Lernen (und Üben) ist tatsächlich zwingende Realität und nicht nur eine Worthülse, und die Investitionskosten in das Arbeitsgerät (Instrumente und Equipment) übersteigen jene vieler anderer freier Berufe deutlich. Die Hürden sind also sehr hoch, aber das nehmen Musikschaffende in Kauf. Hätten uralte Vorstellungen wie „Akademiker mussten lange studieren und viel lernen, daher werden sie gut bezahlt.“ jemals Richtigkeit besessen, wären Musikschaffende traditionellerweise immer finanziell gutgestellte Menschen gewesen. Zu einer tatsächlichen monetären Abgeltung des enormen Aufwands hinter einer Musikerlaufbahn wird es wohl niemals kommen, das wird von der großen Liebe zum Tun auch teilweise kompensiert. An einer „normalen“, anständigen, wenigstens durchschnittlichen Vergütung – und zwar im  Vergleich zu anderen freien Berufen (!) – führt aber kein Weg vorbei. Es sei denn, wir als Gesamtgesellschaft verzichten bewußt und dauerhaft auf hochwertige Musik auf professionellem Niveau, dann allerdings in Stadthalle, Konzertsaal, Disco, Festival und Jazzclub gleichermaßen. Bleiben wir auf dem derzeitigen Kurs, wird das Schaffen von Musik nämlich in naher Zukunft nur mehr als Hobby möglich sein und die Möglichkeiten von Hobbyisten sind nunmal begrenzt.

Daraus lässt sich nun doch noch eine kurze Antwort auf die Frage nach meiner Motivation ableiten: ich will die kurzfristig gesteigerte Aufmerksamkeit für das Thema „Musik ist nicht wertlos“ nutzen, um in möglichst öffentlichem Rahmen und möglichst lautstark auf einen Missstand hinzuweisen, der sonst meist unter der Wahrnehmungsschwelle bleibt.

Ganztagsschule: die Verschränkung der Freiheit

Ein paar äußerst dringliche Worte zum Thema Ganztagsschule: Was in den Medien überhaupt nicht rüberkommt (sicher nur Zufall) ist der entscheidende Faktor an der ganzen Thematik. Die Verpflichtung. Was die rotgrünen Ritter und ihre Einsager aus der Wirtschaft da gerade mit fanatischem Eifer auf Schiene bringen, ist die VERSCHRÄNKTE Ganztagsschule. Das bedeutet, eure/unsere Kinder MÜSSEN den ganzen Tag in der Schule verbringen, EGAL OB IHR DAS WOLLT ODER BRAUCHT. Faktisch wird die Schulpflicht mal eben schnell auf den ganzen Tag ausgedehnt, sämtliche öffentlichen Volksschulen werden zu Kindertageskasernen gemacht. Um individuelle Freizeitaktivitäten am Nachmittag brauchen wir uns keinerlei Sorgen mehr zu machen – es gibt keine mehr. Sportverein? Musikschule? Mit Freunden SPIELEN UND KIND SEIN??? Vergesst es!
(Wird stattdessen natürlich alles schulintern angeboten werden, in der immensen Fülle und Qualität, die wir von unserem Schulsystem und seinen Vertretern gewohnt sind.)

Ganztagsschule mag unter bestimmten Voraussetzungen und in einem durch und durch erlesenen Rahmen Sinn machen, für einige wenige Kinder wäre sie vermutlich eine Verbesserung. Es MUSS aber Wahlfreiheit geben. Was aktuell passiert ist Totalitarismus und eine Vergewaltigung der Kinderrechte. Zum Glück ist meine Tochter der Volksschule bereits entwachsen – in Zukunft würde eine Kinderparty am Donnerstag Nachmittag bereits die Grenzen des Systems sprengen. Ein freies und demokratisches Land zwingt seine Kinder aber nicht den ganzen Tag in staatliche, schwerst politisch infiltrierte/indoktrinierte Aufbewahrungsanstalten mit grotesker Nivellierung nach unten, unten, unten. Das ist mit Freiheit nämlich nicht vereinbar.

Das Bildungsministerin Hammerschmid brachte es, konfrontiert mit der Kritik eines Bildungsexperten (fast schon ein Schimpfwort, aber einige wenige haben ihr Hirn noch nicht verkauft) wegen fehlender Belege für den Nutzen der Ganztagsschule auf den Punkt: „Das sei ihr völlig egal, sie glaube trotzdem daran.“ (Quelle: Die Presse, 24.11.2016)

Kapitalismusfaschisten vom linken UND rechten Rand in seltener Eintracht nehmen unseren Kindern den letzten Rest Kindheit – und wir sehen tatenlos zu, damit wir eine halbe Stunde länger vor einem Computer sitzend irgendjemandes Konto auf den Cayman Islands verschönern können? Dafür verscherbeln wir unsere Kinder an einen Staat? Was sind wir für Eltern? Was sind wir für Menschen?

wütend,
AY

One nation under what?

Lange hat dieser Blog geschlafen; mehrmals wollte ich ihn schon offline stellen, doch heute habe ich das Bedürfnis, zu schreiben. Ich reihe mich also ein in die endlose Liste von mehr oder weniger persönlichen Kommentaren zum Ausgang der Präsidentschaftswahl in den USA. So sinnlos es auch erscheinen mag, schreiben kann ja auch therapeutischer Selbstzweck sein.

Viele wissen, dass ich in jüngeren Jahren gerne in den USA studiert und idealerweise eine Musikkarriere aufgebaut hätte. Nur wenige wissen, dass ich in ganz jungen Jahren ein glühender Fan jenes Landes war und sogar dorthin auswandern wollte. Tatsächlich beteiligte ich mich an dämlichen greencard-lotteries und hatte ernsthaft Unterlagen und Lehrbücher zum US-citizenship-test zuhause. Es war eine Zeit, in der die wohl letzten Ausläufer des „Alles ist möglich“ und der angeblich so unbegrenzten Freiheit hier in Europa noch medial spürbar war. Ich las hauptsächlich amerikanische Bücher und andere Medien, sah amerikanische Filme; meine musikalische Ausbildung fand (weitaus prägender als die späteren Musikstudien) via VHS und DVD, etwas später übers Internet statt – alles aus Amerika. Meine musikalischen Vorbilder lebten und agierten dort; die Bühnen, die ich zu erobern gedachte; die Städte und die Landschaften nach denen ich mich sehnte (dieser letzte Punkt hat sich seither am wenigsten geändert), das war alles „drüben“. Auf meinen wenigen Reisen hatte ich mich in den USA wohl- und „richtig“ gefühlt. Ich wollte dorthin.

Es mangelte an Geld, letztlich auch an Mut, das Leben hatte anderes für mich geplant – es sollte nicht sein. Seither ist die Begeisterung weitgehend verflogen. Das Gras ist jenseits des Atlantik natürlich um keinen Deut grüner ist (es sei denn es wird mit grüner Farbe nachgeholfen). Auch die dortige Musikszene lockt mich nicht mehr; sie ist sehr viel größer, aber siecht genauso dahin wie überall anders. Jugendliche Rock and Roll-Träume von endlosen Weiten und offenen Highways, wo hinter jeder Kurve der potentielle major-deal plus Welttournee, zumindest aber eine umwerfend offen-/herzige Annie, Grace, Samantha auf ein Abenteuer mit dem guitar slinging stranger from abroad wartet, sind längst ausgeträumt. Die Amerikaner sind ein komplexes Volk mit einem großen Rassismusthema und einem Schusswaffenfetisch.

Dennoch: ein gewisses Verbundenheitsgefühl war da. Da drüben leben, flankiert von einem Haufen schwerbewaffneter Verrückter, ein paar hundert Millionen Menschen mit einer zur unseren halbwegs kompatiblen Kultur. Ich kenne nicht sehr viele Amerikaner, aber diejenigen die ich näher kennenlernen durfte, waren vernünftige Leute mit Herz und Hausverstand.

Heute aber fühle ich mich den USA so nahe wie dem Iran oder dem Sultanat Erdoganistan. Wir werden in den kommenden Tagen auf tausenden Seiten von Protestwählern lesen, von Verzweifelten, von Alleingelassenen, von der bedrückenden Allmacht der Konzerne, von einer Wahl zwischen Pest und Cholera, von den Verstrickungen der Clintons, etc. Vieles richtig, alles relevant und wer mich kennt weiß, wie meine Meinung zur Herrschaft der Großunternehmen aussieht. Wen haben Herr und Frau Amerika aber nun statt der favorisierten Kandidatin gewählt, wem ihre Rettung aus offenbar großer Not anvertraut?

Der nächste Präsident der vereinigten Staaten von Amerika steht für all das, wogegen seine Wähler angeblich protestiert haben sollen. Er ist Corporate America in Reinkultur, steht für kurzfristiges Wachstum um jeden Preis und ohne jede längerfristige Perspektive, für das Ausbeuten und Entsorgen von Mensch und Umwelt in jeder nur erdenklichen Weise, für das Hintreten auf Arme, Schwache und Kranke, für Korruption, Schamlosigkeit und Niederträchtigkeit in einer gänzlich neuen Qualität.

Die USA sind ein bevölkerungsreiches Land mit einem durchwachsenen Bildungssystem. Unterschiedliche Bildungsniveaus spiegeln sich überall auf der Welt im Wahlverhalten der Menschen wieder. Das ist bis zu einem gewissen Grad normal und muss wohl akzeptiert werden. Wir sehen zur Zeit in Europa ein alarmierend schnelles Wachstum dieses Effekts. Worin liegt also das Besondere, worüber empöre ich mich wie so viele andere Menschen nach dieser Wahl in einem fremden Land auf einem anderen Kontinent?

Die Amerikaner haben ihren Hausverstand zum Teufel gejagt.

Hausverstand, auch gesunder Menschenverstand genannt, hat nichts mit schulischer Ausbildung oder sozialem Status zu tun. Er ist eine grundlegende Fertigkeit, die von Kindern in ihren ersten paar Lebensjahren teils durch Instinkt, teils durch eigene Erfahrung, teils durch elterliche Anleitung verinnerlicht wird. Ohne Hausverstand kommen wir Menschen nicht durchs Leben. Wir würden kaum unbeschadet das Erwachsenenalter erreichen, sondern verletzt, verstümmelt, eventuell getötet werden. Zumindest aber permanent belogen, betrogen, hintergangen und ausgenutzt. Schon kleine Kinder lernen, dass es ehrliche und unehrliche Leute gibt, dass manche Menschen mit Vorsicht zu genießen, und einige Zeitgenossen richtig gefährlich sind.

In Wahlkampfzeiten ist Hausverstand ganz besonders gefragt, denn Politiker lügen. Oft. Überall auf der Welt. Es ist ein fixer Bestandteil ihres Tuns. Sie versuchen es hinter einer seriösen Fassade zu verbergen und durch gekonnte Rhetorik zu entschärfen, weil sie sich der Un- und Halbwahrheiten durchaus bewusst sind. Donald Trump lügt auch, und zwar ohne Unterlass, ohne jedes Augenmaß und vor allem eines: ohne es überhaupt mitzubekommen. Er schwadroniert vor sich hin wie am Stammtisch nach acht Bier, schimpft, plaudert oder poltert wie und was ihm gerade in den Sinn kommt. Seine Tiraden müssen dabei nichteinmal das berühmte Quentchen Wahrheit enthalten – es ist vollkommen egal. Der Mann schleudert seinem Publikum die absurdesten Lügengeschichten und Hirngespinste entgegen und sie lieben ihn dafür. Sie wissen dass er ein Hochstapler ist, doch das hat keine Relevanz für sie.

Populismus ist eine Sache. Donald Trump eine andere. Er redet dem Volk nicht nach dem sprichwörtlichen Maul, er haut ihm auf selbiges. Und sie finden es ganz toll. Trump trägt seine Widerwärtigkeit und allgemeine Verhaltensoriginalität auf einem Silbertablett vor sich her. Amerika hat beschlossen, beides gut zu finden. Der archetypische Schulhofschläger wurde zum role model ernannt. Böse ist gut, gut ist schwach, schwach ist unpatriotisch.

Man kann Hillary Clinton mögen oder auch nicht. Ich tue es nicht. Doch im Angesicht dieses Irrsinns, dieser offenen Verhöhnung der Demokratie, waren die Optionen eben nicht Pest & Cholera, sondern Pest und ein blauer Fleck. Die USA haben sich voller Begeisterung für die Pest enschieden. Haben sie den Verstand verloren? Nein, sie haben sich bewusst enschlossen ihn zu ignorieren. Mit wehenden Fahnen und patriotischen Grüßen aus Schilda. Ein Hauch von Endzeit weht über den Atlantik.

erschüttert,
AY

Marina Zettl – eine Ausnahmeerscheinung

Mit überaus hohen Erwartungen ging ich zu Marina Zettls Albumpräsentation für „Watch me burn“ am 15.10.13 im Wiener Local. Ich hatte die Grazer Sängerin vor einiger Zeit eher zufällig im Internet gefunden und ihr letztes Album, „Thin Ice“, eine ganze Weile im heavy rotation-Modus verschlungen.

Marina ist eine dringend benötigte Ausnahmeerscheinung im ermüdenden Meer von Eh-auch-Jazzsängerinnen. Sie begreift ihre Stimme als vollwertiges Instrument, nicht als gefälligen Textgeber versus Musik. Sie biedert sich weder an die pathologische Ella-Schule an, noch mimt sie das Popsternchen. Ihr Organ ist voller Ecken und Kanten; unverkennbar, charaktervoll, eigenwillig. Mit äußerster Entschlossenheit und organischer Virtuosität singt sie sich blitzsauber und selbstverständlich durch ein wundervoll hit-untaugliches Programm.

Ihre Mitstreiter tun ihr übriges; Thomas Mauerhofer an konventioneller- und achtsaitiger Gitarre und Jörg Haberl am Schlagzeug (beide bringen auch erstaunlich saubere Chorstimmen ein) spielen tight, songdienlich und uneitel. Bessere Begleitung kann sich eine Solistin kaum wünschen.

Die Songs lassen immer wieder einmal Pop-Potential aufblitzen – um sich gleich darauf durch intelligente Wendungen beinahe bockig jeglicher Charts-Idiotie zu entziehen. Wohltuend.

Der Abend war wunderbar; die Hoffnung stirbt vielleicht irgendwann, aber noch nicht jetzt. Danke Marina.

angetan,
AY

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Mulis für Musiker (offener Brief)

Geschätzte Wiener Grüne,

ich möchte anlässlich der in jeder Hinsicht mühevollen Debatte rund um die neue Un-Fußgängerzone in Wien auf einen Aspekt hinweisen, der für die Allgemeinheit völlig irrelevant, für eine bestimmte Berufsgruppe ohne jegliche Lobby jedoch immanent wichtig ist, nämlich die der MusikerInnen.

(In meinem Weltbild sind Frauen und Männer gleichwertig und gekünsteltes „Gegendere“ überflüssig, ich verzichte daher in der Folge darauf.)

Ich beziehe mich hierbei weder auf klassische Musiker, die im Optimalfall mit einem Flötenetui unterm Arm, im schlimmsten Fall mit einem Cellokoffer auf dem Rücken per U-Bahn zum Musikverein oder Konzerthaus unterwegs sind (Kontrabässe, Harfen und ähnliches Großgepäck werden zumeist von den Orchestern transportiert), noch auf Popstars, die auf dem Weg zur Arbeit ganze Speditionen auslasten.
Ich spreche von der weit größeren Gruppe von Musikern, die ihr geradezu obszön bescheidenes Einkommen damit erwirtschaften, in größeren Städten von Lokal zu Lokal zu tingeln, um für unglaublich geringes Honorar ihr künstlerisches Schaffen zu präsentieren. Die meisten von ihnen benötigen dafür Instrumente und verwandtes Equipment. Damit ist nicht der Junge mit der Wandergitarre am Schnürsenkel gemeint und auch nicht die Irish Folk-Geigerin. Sondern Schlagzeuger, Gitarristen, Keyboarder, deren Arbeitsgerät einen ausgewachsenen Kombi-PKW zur Gänze ausfüllt. Bands, die komplette Beschallungsanlagen selbst mitbringen müssen.

Es ist vollkommen ausgeschlossen, derartiges Equipment mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu transportieren. Man fährt daher seit jeher mit dem Auto zum Konzert, stets in der naiven Hoffnung, beim Ein- und Ausladen nicht von eifrigen Exekutivbeamten belangt zu werden und einen einigermaßen nahe gelegenen Parkplatz zu finden.
Bedingt durch das, was die herrschende Klasse „Parkraumbewirtschaftung“ zu nennen pflegt, ist Livemusik seit langem nur mehr durch andauernde Gesetzesübertretung möglich, denn mit den großteils erlaubten zwei Stunden Kurzparkzeit vor 22 Uhr geht sich kein Auftritt aus. Man schreibt also eifrig einen Parkschein nach dem anderen, die „Organe“ drücken dabei bekanntlich beide Augen zu, denn der Umsatz stimmt ja. Auf diese Weise fließt oftmals ein solide zweistelliger Prozentbetrag des eingespielten Honorars gleich in die Parkgebühren. Das ist keinesfalls eine Übertreibung, Musikern wird hierzulande in der Clubszene wirklich so wenig bezahlt.

Nun kommt ein neuer Faktor ins Spiel: durch verkehrsberuhigte Bereiche und Fußgängerzonen (auch richtige) werden immer mehr Schneisen durch die Stadt geschlagen, die mit privaten Autos effektiv nicht mehr erreicht werden können/dürfen. Vormittägliche Ladezeiten sind dabei unerheblich, denn wir laden für gewöhnlich am frühen Abend aus und mitten in der Nacht wieder ein – und könnten dazwischen sowieso nicht wegfahren. Überaus selbstbewußte Statements gewisser Bezirkspolitiker lassen auf den zukünftigen Kurs schließen: Autofahrer sollen einfach nicht „hier“ fahren, sondern halt „woanders“. Unglücklicherweise befinden sich gerade Livemusik-Venues zumeist nicht „woanders“, sondern in genau jenen Stadtbereichen, die von übermäßigem (oder gleich allem) Straßenverkehr befreit werden sollen.

Daraus ergibt sich eine simple Frage: wie soll ich als Musiker mit einem knappen Kubikmeter Instrumenten, Verstärkern und Zubehör zu meinem Auftrittsort gelangen, wenn ich dort nicht nur nicht parken, sondern gleich gar nicht hinfahren darf? Selbst das trendige Lastenfahrrad scheidet als Alternative aus. Soll ich mir vielleicht jedesmal ein Taxi bestellen? Lokalbetreiber (das sind die mit den stets freifallenden Umsätzen, die mittlerweile bereits über Freigetränke diskutieren, nachdem man ohnehin gegen FREIE SPENDE(!) gespielt hat) werden mir die Fahrtkosten sicher gerne ersetzen…

Wir Musiker sind eine für die Politik außerhalb unsäglicher Wahlkampfveranstaltungen und feierlicher Eröffnungen absolut wertlose Menschengruppe; zu wenige, latent renitent, ohne Lobby im Rücken, vorallem aber finanziell impotent. Dennoch bringen wir eine hochspezialisierte Leistung in die Gesellschaft ein, die sehr vielen Menschen abgehen würde – allerdings erst, wenn sie vom Erdboden verschwunden wäre. (Woran unsere selbsternannte Kulturnation ja auch mit großem Eifer arbeitet.) Auf strategisch/langfristiger Ebene wird zumindest am Rande darüber diskutiert – Die Unebenheiten in Österreichs Medienlandschaft und Förderwesen sind wohlbekannt und –benannt. Was ist aber mit kleinen, banalen Problemchen wie diesem: wenn die Stadt autofrei wird, kann ich meinen Auftrittsort nicht mehr erreichen?

Was sagt Ihr dazu, geschätzte Wiener Grüne?

Mit freundlichen Grüßen
Alex K. Yoshii

Rebekka Bakken, 04.07.13, Staatsoper Wien

Das erste Mal habe ich Rebekka Bakken vor etlichen Jahren im Wiener Konzerthaus richtig erlebt. Davor hatte ich einen Auftritt beim Donauinselfest nur am Rande mitbekommen. Ich kann mich sehr gut an jenen Abend im Konzerthaus erinnern. Sie präsentierte damals das „Is that you“-Album und verzauberte den großen Saal mit Präsenz und selbstverständlicher Musikalität. Ich war völlig hingerissen. Sie war damals noch längst nicht so bekannt und schien erreichbar, ich beschloß noch während des Konzerts, dass ich mit dieser Frau musizieren würde. Daraus wurde leider bislang nichts. Dennoch (sic) wurde sie immer erfolgreicher und eine Weile schien es, als würde sie sich in die damals rasant wachsende Riege der skandinavischen Jazzvokalistinnen einreihen. Das tat sie nicht, stattdessen bewegt sie sich seitdem rastlos zwischen Jazz, Pop, Country und Folk hin- und her.

Meine Kollaborationspläne mit Rebekka Bakken musste ich mit ihrer Abreise jedenfalls auf Eis legen (wenngleich ich ihr – in einer anderen Zeit, in einem anderen Leben, auf einem anderen Planeten – immerhin bei einem Problem mit einem skandinavischen Möbelhändler behilflich war. Auch eine Form von Zusammenarbeit.).
Sie verließ Österreich, zunächst gen Norden, und die folgenden CDs, vor allem „I keep my cool“, überzeugten mich nicht so sehr wie „Is that you“ oder die vorangegangenen Alben mit Wolfgang Muthspiel. Ich bin zugegeben auch kein großer Fan von typischen Studioproduktionen und guten Livemitschnitten meist mehr zugetan.

Umso gespannter war ich auf ihr Konzert in der Wiener Staatsoper im Rahmen des Jazzfest 2013. Die Band, bestehend aus Schlagzeug (anfänglich im Loudness-Modus mit zu scharfen Overheads und zu wuchtiger Kickdrum), Bass, Klavier und zwei Gitarren, betrat die Bühne und legte kurz und bündig den roten Teppich für die Chefin aus. Rebekka Bakken, stets eine organische Melange aus unprätentiös rustikal und ätherisch divenhaft, erschien und machte von vornherein klar, dass sie in musikalischer Mission unterwegs war, nicht auf Popstar-PR-Feldzug.

Nach zwei Songs und zehn Minuten war ich genauso verzaubert wie damals im Konzerthaus. Die seltsame Frau aus dem gar nicht mal so hohen Norden versteht es wie keine zweite, mit ein paar simplen Klavierakkorden, einer mächtigen Hallfahne und sparsamer Melodik eine geradezu zwingende, unglaublich dichte Atmosphäre zu erzeugen. Ihre eigenwillige Stimme bringt unzählige Klangfarben hervor, die Intonation ist schlafwandlerisch sicher, das Phrasing organisch und klar. Ob Popsong, norwegisches Traditional, lyrische Ballade oder Modern Jazz: ich glaube dieser Musikerin. Ich kaufe ihr die musikalische Auffassung ab, genauso wie das ehrlich missglückte Klavier-Intro oder den bad-hair-day-rant. Sie ist echt, unverfälscht, rauh, kantig. Und eine wundersam wunderbare Bühnenerscheinung. Sie ist Diva und Bäuerin gleichzeitig, zieht dem Widerspruch dabei den Boden unter den Füßen weg; alles fließt und macht Sinn.

Rebekka Bakkens Band ist ebenso bemerkenswert; eine eigenwillige Combo der Gegensätze.
Da wäre der Bassist, ein unauffälliger Präzisionsarbeiter. Super tight, ohne jemals aufzufallen oder herauszustechen. Ganz im Gegensatz zum Schlagzeug: extrem individueller Stil (auch optisch) und unverkennbarer Sound auf der einen, merkbare Temposchwankungen auf der anderen Seite. Jedes (jedes) Stück wurde mit dem Schlagzeugeinsatz um gute fünf Prozent schneller. Grenzwertig, vorallem bei Balladen.
Ein Pianist, ein bisschen wie ein Fremdkörper wirkend, aber höchst musikalisch und uneitel.
Zwei Gitarristen wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine bombensicher, absolut routiniert, mit herrlichen, riesigen Cleansounds, wie ich sie in dieser Qualität schon lange nicht hören konnte (Dank an die selbstbewußt musikalische Tontechnik der Oper), dafür phasenweise etwas generisch. Die Antithese auf der gegenüberliegenden Bühnenseite: persönlich, involviert, risikoreich, stets an der Kippe, dafür mit genialischen Momenten.

Das Konzert war großartig und die Aufnahme durch das Publikum adäquat. Rebekka Bakken und ihre Band hätten zweifellos noch lange weiterspielen können. So mussten wir uns mit einem perfekt eingespielten Zugabenblock begnügen, inklusive eines Zuckerls im Wiener Dialekt, das in all seiner Plattheit durch die skandinavische Trockenheit gefiltert am Ende gar nicht mehr platt wirkte, sondern liebenswürdig und respektvoll.

Rebekka Bakkens Musik und Sound ist tendenziell kühl, zeitweise eisig. Gleichzeitig wärmt sie auf elegante und niemals anbiedernde Art das Herz. Eine wahrhaftig außergewöhnliche Qualität. Und ich muss doch ein Projekt mit ihr starten…

beglückend gekühlt,
AY

Gansch & Roses, 25.06.13, Konzerthaus Wien

Wagners Ring, komprimiert auf zwei Stunden, arrangiert für ein kleines Bläserensemble, ein Streichquartett, eine Stimme, ein Klavier und Schlagzeug. Eine vollkommen irrsinnige Idee. Genau das Richtige für Thomas Gansch: Nibelung’s Ring a Ding

Als krönenden Abschluss seines „Gansch anders“-Zyklus beringte er gleich zweimal den Mozartsaal. Wagner-Puristen mögen sich vor Entsetzen gekrümmt haben; für alle anderen Besucher war es ein fulminant-unterhaltsamer Abend auf höchstem musikalischen Niveau. Erwartungsgemäß war das Gansch-sche Augenzwinkern stets präsent und sorgte für die nötige Balance zwischen Brot und Spielen.

Besonders hervorzuheben wäre zunächst einmal Thomas Gansch selbst. Seine Arrangements rund um Wagners Leitmotive sind intelligent und spannend. Sein Trompetenspiel ist brilliant: klassische Tonkultur verbindet sich organisch mit spektakulären Lines und unnachahmlichem Phrasing.

Das Ensemble war eine in solcher Konsequenz selten anzutreffende Melange aus Jazz- und klassischen Musikern; letztere rekrutiert aus fast allen großen Orchestern des Landes.

Als besonderer Publikumsliebling entpuppte sich Wycliffe Gordon an der Posaune. Selten hört man einen so großen, mächtigen, ja fast bedrohlichen Jazzposaunensound. Zeitweise war die Posaune (dramaturgisch passenderweise) gleichermaßen Waffe wie Instrument.

Das radio.string.quartet.vienna musizierte tapfer gegen die Tiefblech-Armada an – und das bisweilen auf verlorenem Posten, denn manchmal ging es schlichtweg pegelmäßig unter.

Heimlicher Star des Abends war Tubist Albert Wieder. Mit ungeheurer Klangfülle, astreiner Intonation und untrüglichem Groove hielt er die unwahrscheinliche Kapelle zusammen.

Ein frisches, erfreuliches Konzertereignis das einfach Spaß macht.

angetan,
AY

Zypern 2013

Die berechtigte Frage nach der Herkunft ausländischer Milliarden auf zypriotischen Konten mal außer Acht gelassen: nun ist es soweit. Der Staat, oder vielmehr die vereinigten Staaten, greift erstmalig in der neueren Geschichte auch dem sprichwörtlichen „kleinen Sparer“ tief in die Taschen und nimmt sich heraus, was er nach eigenen Angaben so braucht, um weiter über die Runden zu kommen.

Man kann es wohlwollend als solidarischen Beitrag der Vielen zum Wohle der noch Vieleren bezeichnen, denn der Zusammenbruch eines ganzen Staates (gemeint ist damit wieder einmal: eines nationalen Finanzsystems) nützt ja wohl niemandem. Außer natürlich jenen Branchen, denen er eben doch nützt.

Man kann es aber auch anders betrachten: Vater Staat (ich habe noch nie ein Gender Mainstreaming-Seminar besucht und weiß es daher nicht besser) hat kläglich versagt und das Wahlvieh soll die Zeche bezahlen. Zugespitzt: ein paar gutgestellte Einzelpersonen haben zu viel Geld ausgegeben und alle anderen sollen ihnen dafür etwas von ihrem abgeben, damit die Party weitergehen kann.
Das Herausragende an der Geschichte ist für mich aber nicht die Frage, ob diese Vorgangsweise nun korrekt ist – ethisch und moralisch vertretbar, demokratisch legitimiert und rechtlich haltbar. Das ist eigentlich völlig irrelevant, denn erstens werden die Regeln von Regierungen und dem Finanzsektor faktisch für sich selbst aufgestellt – und diese Branchen leben einfach nicht in erster Linie von Ethik und Moral. Zweitens würde man sich das Geld so oder so holen. Einfach die Bankomaten abzuschalten und alle Banken zu schließen, damit die Menschen ihr Geld nicht in „Sicherheit“ bringen können, ist natürlich eher plump. Zumindest etwas unauffälliger und sicher nachhaltiger wäre es, sämtliche Alltagsgüter kräftig zu verteuern und somit wirklich jedem Bürger ein paar Kreuzer abzuluchsen; nicht nur jenen, die ein paar Tausender auf der hohen Kante haben. So oder so, der Staat nimmt sich was er haben mag. Keine neue Erkenntnis und ganz bestimmt keine Sensation.

Diese Episode der europäischen Geschichte zeigt aber sehr deutlich einen anderen, viel wesentlicheren Faktor auf: den grenzenlosen Glauben an das Geld. Das einzige, was einem Bündel dreckiger Papierfetzerl einen gewissen Wert verleiht, ist der unerschütterliche Glaube daran. Unser ganzes aufgeblähtes Wirtschaftssystem, die gewaltigen Summen mit den im Hintergrund mitvibrierenden, x-fach virtualisierten, noch viel gewaltigeren Summen basiert ausschließlich auf fanatischem Glauben an dieses System. Millionen Menschen definieren ihren Lebenserfolg über eine virtuelle Zahl, die nach ihrem Tod auf irgendeinem Sparkonto möglichst viele Nullen haben soll. Ob mit dieser Zahl irgendein real auf der Erde existierender oder je existiert habender Wert verknüpft ist? Wurscht. Nun ist Glaube ja eine ganz nette Sache, wenn man Dschihadist ist, oder neuer und verbesserter Papst, oder Lichtesser oder ähnliches. Aber als über Gedeih und Verderb entscheidende Grundlage für alles Leben auf unserem Planeten? Schon der Volksmund sagt: „glauben heißt nix wissen.“ Dieses lächerliche Spiel hat zwar hunderte Millionen verbissener Mitspieler. Das macht es aber nicht weniger lächerlich.

Der Apfelbaum – ein Märchen

Es war einmal ein Junge. Der Junge hatte ein kleines Apfelbäumchen. Er hatte große Freude an seinem Bäumchen und hegte und pflegte es, so gut er nur konnte. Als der Baum seine ersten paar Früchte trug, war der Junge außer sich vor Freude. Sorgfältig, beinahe zärtlich, pflückte er die wenigen, winzigen Äpfel und legte sie in sein Körbchen. Er dankte seinem Baum für die erste Ernte und versprach, sich im nächsten Jahr noch besser um ihn zu kümmern.

Und tatsächlich verbrachte der Junge in der nächsten Saison noch mehr Zeit bei seinem Bäumchen, sprach mit ihm, berührte es und beschützte es nach Kräften vor allem Ungemach. Des Jungen Bemühungen wurden belohnt, denn bei der nächsten Ernte waren die Äpfel ein ganzes Stück größer und schöner, und es waren beinahe doppelt soviele. Der Junge bedankte sich abermals bei seinem Baum und verkündete, sich im folgenden Jahr nochmals besser um ihn kümmern zu wollen. Dieses Spiel wiederholte sich viele Male und der Junge wuchs zu einem jungen Mann heran. Er verbrachte jede verfügbare Minute bei seinem Apfelbaum, der mittlerweile schon eine stattliche Erscheinung geworden war. Die Früchte waren üppig und süß, schon lange passten sie nicht mehr in einen Korb. Der junge Mann erntete sie auf einer hohen Leiter stehend und warf sie in einen Leiterwagen.

Die Äpfel wurden von Ernte zu Ernte mehr. Längst schon konnte der junge Mann sie nicht mehr alleine aufessen oder für seinen eigenen Bedarf weiterverarbeiten. Stattdessen fuhr er mit dem Leiterwagen zum Markt, wo er für die schönen Früchte gutes Geld bekam. Er mochte dieses Geld, denn es gab ihm das Gefühl, dass die Anstrengungen für seinen geliebten Baum gewürdigt wurden. Und eines Tages, als er genügend Geld zusammengespart hatte, kaufte er das kleine Stück Land neben seinem Apfelbäumchen. Es war nicht viel, aber Platz genug für ein paar weitere Bäume. Er sprach mit seinem treuen Baum und erzählte ihm von seinen Plänen: „Mein lieber Baum, bald schon wirst du nicht mehr alleine stehen. Ich werde deine Kinder in die Erde setzen und sie lieben und behüten, wie ich es einst mit dir getan habe.“ Der Baum erhob keinen Einspruch und der junge Mann setzte acht kleine Apfelbäumchen in die Erde seines neuerworbenen Landes.

Hingebungsvoll kümmerte er sich um jedes einzelne und versuchte ihnen die gleiche Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, wie dereinst seinem ersten Bäumchen. Was natürlich nicht im gleichen Ausmaß gelang, denn dafür waren es schon zu viele. Dennoch gediehen die Bäume prächtig und einige Jahre später fuhr der Mann die Ernte bereits mit seinem eigenen Traktor ein. Er hatte noch mehr zusätzliches Land erworben, viele Bäume in die Erde gesetzt und war weithin bekannt für seine erstklassigen Äpfel. Er konnte gut wirtschaften und hatte es bereits zu einigem Wohlstand gebracht. Hin und wieder ging er noch zu seinem alten Apfelbaum, hatte aber keine Zeit mehr, um mit ihm zu sprechen. Er musste viele geschäftliche Termine wahrnehmen, denn seine Äpfel waren bis weit über das Dorf hinaus bekanntgeworden und wurden auch in umliegende Städte geliefert. Er verkaufte seine Äpfel nun viel billiger, denn er musste den Preis an viel größere Betriebe anpassen, um konkurrenzfähig zu sein. Das machte aber nichts, denn er produzierte auf seiner Farm so viele Äpfel, dass er vom Profit ein großes Haus bauen hatte können. Die Erntearbeit verrichteten jetzt seine Mitarbeiter, er konnte sich auf die Vermarktung und strategische Aufstellung seines Betriebes konzentrieren. Auf den Wiesen wurde mit schweren Maschinen gearbeitet, große Investitionen, die sich erst nach Jahren amortisierten. Aber der Mann verstand es zu wirschaften und die Farm florierte. Seinen alten Apfelbaum hatte er hingegen schon seit Jahren nicht mehr besucht; er war nicht mehr ertragreich und wurde mehr geduldet als geschätzt.

Der Mann musste die Preise für seine Produkte immer weiter senken, denn das taten seine Mitbewerber auch. Aber die produzierten Mengen und die Effizienz der Produktion wuchsen so schnell an, dass der Profit jedes Jahr größer wurde. Viele Menschen hatten auf der Farm gearbeitet, aber seit der Mann eine halbautomatische Ernteanlage beschafft hatte, wurden nur mehr sehr wenige Mitarbeiter benötigt. Die anderen wurden weggeschickt. Für die Anlage hatte der Mann sich sehr stark verschuldet, doch solange die Umsätze zumindest stabil blieben, konnte er die Kredite leicht bedienen. Doch just im nächsten Jahr war die Natur ungnädig, es gab sehr späten Frost, etliche Hagelschäden und Überschwemmungen machten den Wiesen zu schaffen. Es konnten bei weitem nicht genug gute Äpfel geerntet werden und der Mann musste schnell handeln. Im nächsten Frühling wurden die Bäume mit einem neuartigen Spezialdünger behandelt, der ausschließlich für Obstbäume gedacht war und einen enormen Ertragszuwachs versprach. Die wenigen verbliebenen Mitarbeiter, die den mittlerweile ergrauten Mann und seine Bäume schon viele Jahre begleiteten, waren sehr beunruhigt über die chemische Substanz aus völlig unbekannten, ja sogar geheimen Zutaten und rieten ihm dringend von der Verwendung ab. Doch der Mann hatte sehr, sehr viel Geld für die Düngemittel ausgegeben, sich dafür sogar nochmals verschuldet, und sah darin die einzige Hoffnung für seine Farm. So wurde der neuartige Dünger ausgebracht, gegen alle Einwände der Arbeiter.

Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. Die Bäume erblühten in kürzester Zeit zu voller Pracht und trugen die größten und schönsten Früchte, die der Mann je gesehen hatte. Nach einigen Monaten stand die Farm wieder gut da und die akute Krise war überwunden. Durch das neue Düngemittel waren die Produktionsmengen nochmals deutlich gestiegen und der Mann hatte neuerlich in große Maschinen investiert, um dem Rechnung zu tragen. Den Arbeitern war das Düngemittel immer noch unheimlich, doch der Mann bestand darauf, in der kommenden Saison noch mehr davon einzusetzen, wofür er sich abermals in große Schulden stürzte. Doch diesmal schienen die Bäume nicht so recht in Schwung kommen zu wollen, die Triebe waren recht kümmerlich und die Arbeiter gerieten in Sorge.  Der älteste von ihnen, er arbeitete schon seit vielen Jahren für den Mann, nahm diesen eines Tages beiseite und beschwor ihn, die Chemikalie nicht wieder einzusetzen, weil es die Bäume auf lange Sicht zerstören würde. Da geriet der Mann in Wut und warf seinen treuen Helfer hinaus. Daraufhin wagten die verbliebenen Arbeiter nicht mehr, das Thema überhaupt anzusprechen.

Der Wunderdünger wurde von Jahr zu Jahr in immer größerer Menge ausgebracht, doch trotzdem sank der Ertrag. Die Bäume waren müde und ausgelaugt. Die Arbeiter auf den Wiesen konnten es deutlich sehen, doch der Mann hatte nur noch seine erdrückende Schuldenlast im Kopf – und die sinkenden Umsätze, mit denen er seine finanziellen Verpflichtungen einfach nicht mehr erfüllen konnte. Die Apfelbäume begannen zu sterben und die Arbeiter sahen keine Hoffnung mehr für die Farm und die Bäume, denen sie all die Jahre soviel Zuwendung und Aufmerksamkeit gewidmet hatten. Sie packten ihre Sachen und liefen davon. Der Mann, verzweifelt und zerfressen von Sorgen, verfluchte seine Leute, denn er hielt sie in seinem eigenen Schmerz für treulose Verräter. Er setzte sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder selbst in einen Traktor und fuhr ziellos seine weitläufigen Gründe auf und ab. Überall bot sich ihm das gleiche Bild: vertrocknende, sterbende Gewächse, die den nahenden Winter nicht überstehen würden. Er würde seine ausstehenden Zahlungen nicht begleichen können und alles verlieren.

Erst in diesem Augenblick höchster Not besann sich der Mann seiner alten Liebe, des Apfelbäumchens, mit dem sein Weg vor Jahrzehnten begonnen hatte. Er musste eine Weile überlegen, um sich an den Weg zu erinnern. Doch dann fuhr er mit hoffnungsfrohem Herzen los, denn er war sich sicher, bei seinem ersten Baum, der inzwischen ein knorriger Riese sein musste, nochmals Mut und Kraft finden zu können. Als der Mann die richtige Stelle endlich gefunden hatte, stieg er aus seinem Traktor und ging den kurzen Weg zum ältesten und kleinsten seiner Grundstücke. Er sah sich um und fiel nach einem Augenblick ungläubigen Staunens weinend auf die Knie. Er kniete vor einem leblosen Gerippe, mehr einem verwitterten Felsen gleichend, denn einem alten Baum. Sein alter Gefährte war vor langer Zeit gestorben und stand wie ein zorniges Mahnmal inmitten einer öden Karrikatur dessen, was einmal eine saftig grüne Wiese gewesen war. Der alte Mann hatte in blindwütiger Gier seine Böden so stark überdüngen lassen, dass auch die ältesten und schon längst nicht mehr wirtschaftlich genutzten Pflanzen eingegangen waren. Das Land war tot.

Der Mann richtete sich auf und ging langsam zu den Überresten seines alten Bäumchens. Er umarmte den vertrockneten Stamm und verweilte regungslos. Bilder aus längst vergangenen Zeiten huschten an ihm vorbei. Unbarmherzig spielte ihm sein Unterbewußtsein vor, wie er dem Baum einst versprochen hatte, dessen Kinder zu behüten und vor Unheil zu bewahren. Der Mann bat den toten Baum wortlos um Vergebung für sein Versagen und seinen Frevel, doch der Baum antwortete nicht. Da lief der Mann so schnell er konnte zurück zu seinem Traktor und kam mit einem geflochtenen Seil zurück. Er schlang das Seil um den dicksten Ast des toten Baumes und erhängte sich daran. Niemand suchte in dem abgelegenen Teil der Farm nach dem Mann und seine Überreste gingen mit der Zeit in die  Erde über. Der tote Mann und der tote Baum waren wieder vereint und blieben es für alle Zeiten.